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Prokrastination I: Warum ich Dinge nicht tue, die ich tun will

Meistens ärgern wir uns darüber, dass wir Dinge tun, die wir eigentlich nicht tun wollen (weil es mit dem Neinsagen hapert oder der Geist willig, das Fleisch aber schwach ist angesichts eines Krokantbechers oder einer Chipstüte oder oder …). Ich ärgere mich aber mit schöner Regelmäßigkeit über Dinge, die ich nicht tue, obwohl ich sie eigentlich tun will. Warum das so ist und was ich dagegen tun kann, versuche ich herauszufinden.

Die Du-musst-Allergie

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin über Familienfeiern – der 78ste Geburtstag meiner Mutter und die goldene Hochzeit ihrer Eltern. Ich hatte nichts zu meckern, alles war wie üblich: vorher jede Menge Action, mittendrin zu viel Kuchen, zu viele Schnittchen und hinterher das große Aufräumen. Aber meine Freundin, seit der Lektüre von Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ überzeugte Vegetarierin, regte sich über die Fleischschlacht beim abendlichen Grillen im Kreise der Familie auf. Die (Familie und Bekannte) müssten doch begreifen, dass Tiere essen moralisch verwerflich ist. Es gäbe zwar all die vielen, grausamen Dokus im Fernsehen, aber die (Familie und Bekannte) würden einfach umschalten. Dabei müssten die (Familie und Bekannte) sich solche Dokus doch ansehen, man (die Bevölkerung der westlichen Welt) habe doch die moralische Pflicht sich zu informieren. Ehrlich gesagt, würde ich auch auf Durchzug schalten, wenn mir jemand sagt: „Du musst dir jetzt die Qualfleisch-Doku ansehen und dann umgehend auf totes Tier auf dem Teller verzichten.“

Ich gebe meiner Freundin zwar Recht, wenn es um das Leiden der Tiere geht. Aber ich glaube, die Du-musst-Kommunikation des moralischen Imperativs ist bereits beim zweiten Wort zum Scheitern verurteilt: Sobald ich „müssen“ höre, ist Schicht im Schacht! Ich reagiere auf Zwang mit Abwehr – reflexartig wie der pawlowsche Hund. Das ist der arme Kerl, der mit dem Sabbern beginnt, sobald ein Glöckchen klingelt, in der Erwartung, dass es was zu fressen gibt.

Wie der Hund auf Futter mit Speichelproduktion reagiert (tun wir übrigens auch J), reagiere ich auf unangenehme Anforderungen und Situationen mit Verweigerung, Flucht, Augen zuhalten nach dem Motto: Ich seh dich nicht, dann siehst du mich auch nicht.

Das Unangenehme abwehren

Ich bin da offenbar – genau wie der Hund – konditioniert. Ein neutraler Reiz wird mit einem anderen Reiz gekoppelt. Beim Hund ist der neutrale Reiz das bimmelnde Glöckchen (oder der MP3-Player, der ein bimmelndes Glöckchen imitiert), das mit Futtergaben gekoppelt ist. Bei mir ist der neutrale Reiz ein Wort: müssen – in allen seinen offensichtlichen und subtilen Varianten von „du musst sofort“ über „du solltest jetzt aber“ bis hin zu „ich würde mir wirklich von dir wünschen, dass du ein einziges Mal“. Irgendwann habe ich gelernt, dass auf derartige Aufforderungen meistens irgendetwas Anstrengendes oder Unangenehmes folgt. Inzwischen ist mir der Abwehrreflex so in Fleisch und Blut sprich ins Unbewusste übergegangen, dass ich nicht mehr differenziere: Du musst – Nein, du kannst mich mal … Du solltest – Nein, du kannst mich mal … Ich würde mir wünschen – Vergiss es, niemals!

Leider hat dieser Reflex weit unangenehmere Folgen haben, als mit den Pfoten in einer Sabberpfütze zu stehen: Du musst den Wagen noch tanken, denn an der A11 gibt’s nur eine Tankstelle. Hätte ich nicht schon bei „musst den Wagen“ die Ohren auf Durchzug gestellt, stünde ich nicht nachts um zehn irgendwo auf der Höhe von Pasewalk mit dem Auto auf einem Parkplatz, den leeren Reservekanister in der Hand herum und würde mich fragen, in welche Richtung wohl die nächste offene Tankstelle liegen könnte. Das schicke Smartphone hilft auch nicht weiter, weil der Wagen natürlich mitten in einem Funkloch liegengeblieben ist.

„Mehr desselben“ ist auch keine Lösung

Aber was ich kann ich tun gegen den Du-musst-Abwehr-Reflex? Bisher habe ich auf das Watzlawick‘sche „Mehr desselben“ zurückgegriffen. Paul Watzlawick beschreibt in seiner genialen „Anleitung zum Unglücklichsein“, dass wir eine vielleicht früher mal erfolgreiche Strategie, die aber in der Gegenwart nicht funktioniert, nicht ändern, sondern stattdessen wiederholen, gerne etwas heftiger, in der irrigen Annahme, jetzt klappt es aber. Jane und John Doe wollen zum Beispiel abnehmen, halten die Diät aber nicht durch, sondern fallen an Tag 2 3/4 über drei Kilo Schokolade her. Mehr desselben bedeutet, sie überlegen nicht, ob Diät überhaupt das Richtige zum abnehmen ist, sondern fangen eine noch strengere Diät an, denn sie „müssen sich ja einfach nur beherrschen“.

Ein „Mehr desselben“ funktioniert also in der Regel nicht. Das „muss“ wird nicht durch noch mehr „muss“ überwunden. Wie aber dann? Möglichkeit eins ist, den Reiz und die Reaktion zu entkoppeln (TherapeutInnen unterschiedlichster Couleur verdienen damit ihren Lebensunterhalt). Bei Möglichkeit zwei vermeide ich den Reiz, also das „Du musst“.

Wie aus dem „Du musst“ ein „Ich will“ wird

Aus dieser Erkenntnis kann ich zweierlei Strategien ableiten:

1. Das „Muss“ und den Abwehr-Reflex entkoppeln: Es ist immer gut, das, was mir spontan in den Kopf kommt, erst noch mal kurz zu reflektieren, bevor ich’s ausspreche – ob nun im inneren Monolog oder in der Diskussion mit anderen.

Das gilt auch für meine Projekte: Ich müsste endlich an meinem Buch weiterschreiben – och nee, das klingt ja nach Arbeit. Mag sein, aber wenn ich mir eine Minute nehme und darüber nachdenke, dann fällt mir ein, wie viel Spaß mir das Schreiben machen – und dann tu ich’s vielleicht trotz des „Muss“. Und so schaffe ich es vielleicht langsam, aber sicher mir zu merken, dass „muss“ nicht immer in was total Unangenehmen mündet.

2. Den Zwang vermeiden: Wenn ich mich dazu bringen will, etwas zu tun, ist es hilfreich, nett zu mir zu sein. Das heißt, ich kann mir gleich das „Muss“ sparen. Hey, ich will mal wieder ein bisschen schreiben – das klingt doch viel besser als „ich müsste mal wieder …“

 

Klar gibt es Dinge, bei denen „Hey wie toll, ich kann das jetzt machen“ nicht funktioniert. Zum Beispiel, wenn es um ethisch begründeten Vegetarismus geht. Auch hier hilft nett sein – und homöopathische Dosen. Bei meiner Buchhaltung funktioniert das: Ich „muss“ monatlich die Belege sortieren nach bar, Privat- und Geschäftskonto, die Belege chronologisch ordnen und an meinen Steuerberater schicken. Ein „ich will“ kommt mir da einfach nicht über die Lippen. Stattdessen schieb ich auf – Steuer- und Buchhaltungsallergie. Kann ich nix gegen machen. Gibt es auch kein Mittel gegen, nicht in der Apotheke, nicht bei der Heilpraktikerin (und Hypnose funktioniert bei mir nicht). Aber wenn ich vornehme, wirklich nur 10 Minuten ein bisschen zu ordnen, dann geht’s – nicht immer, aber immer öfter.

Meiner Freundin mit der uneinsichtigen Verwandtschaft schlug ich vor, nachsichtig zu sein, sie da abzuholen, wo sie stehen (ich kann’s nicht leugnen, ich hab Sozialarbeit studiert …). Sie erst mal in ihrem So-Sein zu respektieren und mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie schenkt ihren Eltern jetzt Jonathan Safran Foers Buch – sie müssen es ja nicht lesen.

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