rss

Waagenwagnisse

Home  / Waagenwagnisse  / Bin ich zu dick?

Bin ich zu dick?

Diese Frage würde ich aktuell mit einem frustrierten Ja beantworten. Ich habe die letzten zwei Jahre extrem zugenommen (2 Kleidergrößen mehr!) und passe zur Zeit in kaum noch eine Hose. Ja, ich bin zu dick. Zumindest ist meine Figur zurzeit nicht kompatibel mit meinem Kleiderschrank, in dem größtenteils Kleidungsstücke in Größe 42-46 hängen. Was ja nun auch zeigt, dass ich in diesem Leben keinem der Grisinis auf dem Laufsteg mehr Konkurrenz machen werde.

Und was mache ich jetzt mit diesem „Ja, ich bin zu dick“?

Lernen, damit klar zu kommen und einfach alles in 48 kaufen? (Teurer Spaß, und danach robbt sich die 50 ran...)

Oder versuchen, wenigstens wieder in 46 reinzupassen und sich dann gekonnt an die 44 anzuschleichen? (Scheint mir der logischere Schritt. Body Acceptance hin oder her.)

Seufz.

Ich könnte es ja mal mit dem Wohlfühlgewicht probieren.

Doch: What the fuck is Wohlfühlgewicht?

Wohlfühlgewicht ist ja ein schönes Wort. Es sagt – rein theoretisch –, dass ich selbst entscheiden kann, was mir gut tut – und dass ich mich von Größe Size Zero bis 62 wohlfühlen darf. Höhö.  

Da möchte ich mir dann aber weder von den Medien vorschreiben lassen, was Schönheit ist (wohlfühlen kann man sich ja dann doch irgendwie nur mit Kleidergröße 40 abwärts, glaubt man Brigitte, Freundin & Co), noch von der „Dick ist schön“-Bewegung einreden lassen, dass ich gerade Verrat an anderen dicken Frauen begehe, wenn ich gerne etwas schlanker wäre.

Hey, ich will ja nun nicht, dass alle Frauen Size-Zero-Hascherl werden.

Ich kann nur nicht behaupten, dass ich so pfundig gesund lebe.  Zu wenig Bewegung, zu viel Süßes, zu viel Stress. Einen gewissen Handlungsbedarf sehe ich da tatsächlich. Denn mein persönliches Wohlfühlgewicht ist schon ein deutliches Stück unter UHU. So um die Kleidergröße 44 – das wäre fein.  Damit bin ich fit, habe keine Knieschmerzen, kann ohne Schnappatmung zwei Stockwerke hochhechten und erreiche jeden Bus, der mir fast vor der Nase wegfährt. Damit lebe ich einen gesünderen Lebensstil mit mehr Fitness und weniger Stress. Insofern ist Wohlfühlgewicht nur die äußere Form dessen, was Innen wieder stimmt. Und ist nachher tatsächlich ganz unabhängig von der Kleidergröße.

Wenn die dünnen Frauen jammern

Ich gebe zu: Mich hat es früher immer gestört, wenn Freundinnen mit Kleidergröße 38 mir gegenüber rumjammerten, dass sie sich zu dick fanden (eigentlich nervt mich das noch heute). Ich stand dann daneben, schaute an mir runter und fühlte mich irgendwie angegriffen, denn schließlich bin ich mit Kleidergröße 44-48 (je nachdem, wo ich gerade stand) ja ganz objektiv dicker. Automatisch fühlte ich mich in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt, denn wenn die Gegenüber mit Kleidergröße 38 frustriert an ihrem Salatblatt nagt, um endlich wieder 36 tragen zu können, kann ich doch nicht stolz wie Oskar das Steak mit der Folienkartoffel bestellen (und mir nochmal die Dessertkarte geben lassen). Also, kann ich natürlich schon. Aber das Thema Essen ist in so einer Situation schon kontaminiert.  (Die Lösung? Gehe nur mit Frauen aus, die dicker oder gleich dick sind. Oder mit Männern aller Kleidergrößen. Die reden nicht so oft davon, dass sie zu dick sind. Eigentlich ist mir persönlich sogar noch gar kein Mann begegnet, der öffentlich zugegeben hätte, dass er zu dick ist.  Obwohl es einige in meinem Umfeld gibt, die einen BMI haben, der jeden Hausarzt zum Weinen bringen würde).

Fett als neue Geißel der Menschheit?

Insofern kann ich dann wieder verstehen, wenn andere Frauen das Gefühl haben, dass ich ihren Wohlfühlstatus gerade angreife, wenn ich mit Kleidergröße 48 eben sehr unzufrieden bin, während sie sich vielleicht mit Kleidergröße 48 gerade mühsam arrangieren. Denn es ist ja alles in allem eine mühsame Sache, dicker als die Norm zu sein.  Man kann nicht in jedem Laden einkaufen.  Die Klamotten, die es gibt, sind oft jenseitig altmodisch und tantenhaft – und schweineteuer (Große Größen-Mode hat echt noch Luft nach oben, was den Look angeht) – und zu allem Übel erklären WHO, Politik und Medien das Dicksein zum neuen Krebs, zur Pest, zur neuen Geißel der Menschheit.  Als ob wir sonst keine Probleme hätten.

Darf ich denn dann überhaupt sagen, dass ich mich zu dick finde? Seufz.  Man hat es als hedonistische, modebewusste, feministisch sozialisierte, halbwegs politisch reflektierte Frau echt nicht leicht in dieser Welt. Ich will mich dick fühlen dürfen und gerne schlanker sein, ohne anderen ein „ich bin zu dick“-Diktat aufzudrängen. Ich mag Mode, ich mag gutes Essen und guten Wein, ich hätte dennoch gerne wieder eine Taille – und der Weltfrieden wäre auch so eine Sache, an der man mal arbeiten könnte.

Zum Weiterlesen der sehr sympathische Artikel von Antje Schrupp: Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar