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Es wird aufgegessen!

Achtsam essen bedeutet auch, aufzuhören, wenn man satt ist. Das ist nicht immer einfach :-(

Das Prinzip ist simpel: Ich esse langsam und achte dabei darauf, was mein Magen mir zurückmeldet: Noch ziemlich leer – mmmm lecker – langsam wird’s voller – angenehm satt – stopp! Besteck weglegen, Mündchen mit der Serviette abtupfen. Danke für das gute Essen. Kein Völlegefühl, kein schlechtes Gewissen, stattdessen Zufriedenheit und Entspannung. Soweit die Theorie. In der Praxis wird das Prinzip für mich jedoch zum Problem: Ich gehöre zu den Kindern, die ihren Teller leer essen mussten. Wenn du das gesunde Gemüse nicht aufisst, gibt’s keinen Nachtisch. Du willst doch das gute Fleisch nicht liegen lassen?! Hör auf, am Essen rumzumäkeln. Du stehst nicht eher auf, bis du aufgegessen hast! Dazu kommt mein ökologisches Gewissen, das sich immer dann regt, wenn ich Lebensmittel wegwerfe (was ich ohnehin viel zu oft tue :-( ).

Tupper hilft – manchmal jedenfalls

Zu Hause gelingt es mir gelegentlich, die Reste einfach wieder zurück in den Topf oder in ein Tupperschälchen zu packen. Durch das achtsame Essen (wenn ich mich dabei erwische, dass ich mental nicht mehr beim Essen bin, lege ich das Besteck aus der Hand – das hilft, nicht hirnlos in mich reinzuschaufeln) merke ich zum Glück immer öfter, wenn ich satt bin. Auch wenn es immer wieder vorkommt, dass ich automatisch aufesse, um dann festzustellen, dass die letzten fünf Gabeln echt nicht hätten sein müssen.

Im Restaurant esse ich brav auf

Sobald ich woanders bin: im Restaurant, bei FreundInnen oder wie unlängst im Hotel, wird’s schwierig:
Ich sitze im Frühstückszimmer eines entzückenden Hotels gegenüber vom Rijksmuseum in Amsterdam. Vor mir ein Korb mit diesem lustigen niederländischen Toastbrot, das sich auf die Größe einer Erbse komprimieren lässt, und eine kleine Platte mit Käse und Schinken. Eine halbe Scheibe Toast würde ich gerne noch essen, da passt genau eine Scheibe Käse drauf. Aber was mach ich mit der anderen Hälfte vom Brot und mit der zweiten Scheibe Käse auf der Platte? Da es kein Buffetfrühstück ist, hat jeder Tisch seine eigene kleine Aufschnittplatte und seinen eigenen Brotkorb. Aus meiner studienbegleitenden Gastronomieerfahrung weiß ich, dass –zumindest in Deutschland – weggeworfen werden muss, was vom Tisch zurück in die Küche geht. Also wenn ich nicht aufesse, wandern die Reste in die Mülltonne?

Während ich das hier schreibe, kommt mir der Gedankengang völlig absurd vor. Die werden mit Sicherheit die Reste von Platte und Korb wieder zurückpacken. Und selbst wenn nicht – ich ändere daran sowieso nichts. Und ein halbes Toast ungegessen auf dem Teller zurückzulassen – who cares? An den Nachbartischen werden halb aufgegessene Frühstückseier, angebissene Nutellabrote und geöffnete und für nicht verzehrtauglich befundene Minimargarinepackungen zurückgelassen. (Die Leute, die das tun, sind im Übrigen alle schlank.)

Wenn Essensreste böse gucken …

Sobald ich das Toast in der Mitte durchgeschnitten und die eine Hälfte gegessen habe, starrt mich die andere Hälfte anklagend an. Du stehst erst auf, wenn du aufgegessen hast. Offenbar sitzt mir der forschende Blick meiner Oma immer noch im Nacken. Das Kind isst nicht, es wird doch wohl nicht krank sein?

Dafür, dass mein Unbewusstes offenbar immer noch befürchtet, nicht aufstehen zu dürfen oder keinen Nachtisch zu bekommen, spricht im Übrigen, dass mich die Brotreste im Körbchen völlig kalt lassen.

… gucke ich jetzt einfach weg

Ich werde jetzt üben, mein blödes Gefühl zu ignorieren und Essen liegen zu lassen, wenn ich satt bin. Egal wie vorwurfsvoll mich das Essen anstarrt – soll es doch!

Letztens habe ich sogar eine Pizza nur zur Hälfte aufgegessen. Die andere Hälfte habe ich mir einpacken lassen – das erste Mal seit einer Ewigkeit, dass ich ein „Doggybag“ mit nach Hause genommen hab. J

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