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„Sie sind nicht der Mülleimer der Familie …“

Das Dilemma mit den Essensresten

Neulich sah ich prokrastinierenderweise einen Videoclip auf der Webseite eines Privatsenders. „Die Ernährungsberaterin“ begutachtete Kühl- und Vorratsschränke einer abnehmwilligen Frau. Zum Haushalt gehörten noch ein sportlicher, durchtrainierter Mann mit einem beeindruckenden Schnurbart und ein etwa achtjähriges Mädchen, das nur aus unendlich langen, mageren Gliedmaßen zu bestehen schien.

Als es um die Essgewohnheiten der Familie ging, erklärte die Mutter, sie versuche, dem Kind so viel und so unterschiedliches Essen wie möglich anzubieten, damit das Kind wenigstens etwas äße. Auf die Frage der Ernährungsberaterin, was denn mit dem Essen passiere, dass das Kind stehenließe, antwortete die Mutter wie vermutlich viele Mütter: „Das ess ich dann.“ Darauf machte die Ernährungsberaterin ein sehr ernstes Gesicht, legte der Mutter eine Hand auf die Schulter und deklamierte mit Grabesstimme: „Sie müssen das nicht essen. Sie sind nicht der Mülleimer der Familie.“ Die Mutter nickte brav und sah dabei sehr traurig aus.

Die Frau als altruistische Fressmaschine

Eine der zahlreichen Thesen zum Thema übergewichtige Frauen lautet: Die Frau fühlt sich verantwortlich für die Ernährung der Familie, sie möchte ihren Lieben ein ausreichendes Nahrungsangebot zur Verfügung stellen, so viel, dass kein Gefühl von Mangel entsteht. Zwangsläufig bleibt Nahrung übrig. Weil die Frau aber gelernt hat, dass man Essen nicht wegwirft, „opfert“ sie sich und isst das Übriggebliebene. Resultat: Sie wird fett.

Nun könnte man annehmen, die traurig nickende Mutter aus dem Videoclip sieht deswegen so deprimiert aus, weil sie erkannt hat, dass sie ein Opfer ist. Ein Opfer ihrer Fürsorglichkeit, ein Opfer ihrer erlernten Sparsamkeit und der Achtung vor dem Wert der Nahrung. Jetzt muss sie nur noch lernen, selbstbewusster zu sein. Und schon hat sich das Problem erledigt. Sie wirft die Leberkäsesemmel, die ihre Tochter zugunsten von Gurkensalat verschmäht, einfach weg und schon nimmt sie ab, wird schlank und glücklich.

Ist Essen wegzuwerfen eine Lösung?

Ich bezweifle, dass das funktionieren wird! Und zwar aus einem einfachen Grund: Diese Frau hat nicht so frustriert aus der Wäsche geguckt, weil sie ein fehlgeleitetes Opfer ist. Diese Frau war so traurig, weil mit diesem „Sie sind nicht der Mülleimer der Familie“ die Zeit der fröhlich gemampften Leberkäsesemmeln zu Ende geht. Jetzt mal ganz ehrlich: Das Kind liebt Gurkensalat und Räucherlachsbrötchen. Also warum macht Mami nicht einen großen Topf Gurkensalat, belegt das Brötchen fett mit Räucherlachs und erfreut sich am munter kauenden Kind? Warum versucht sie es stattdessen mit einer Leberkäsesemmel, von der sie weiß, dass das Kind sie sowieso nicht essen wird? Weil sie tief in ihrem Innern darauf hofft, dass die Leberkäsesemmel am Ende des gemeinsamen Abendessens immer noch einsam auf dem Teller liegt … damit Mutti sie ohne schlechtes Gewissen essen kann.

Kein Wunder, dass die Frau in dem Videoclip aussah, als hätte man ihr für die nächsten sechs Jahre Wasser und Brot verordnet. De facto kommt das der Wahrheit nämlich ziemlich nah.

Bevor sich jetzt alle Nicht-Mütter entspannt zurücklehnen: Das funktioniert auch mit Erwachsenen – dem Partner oder der Partnerin, Freundinnen oder Partygästen (auch wenn wir bei den Partygästen warten, bis wir die Teller abgeräumt haben und unbeobachtet mit den Resten in der Küche stehen …).

Sind wir doch mal ehrlich: Wir opfern uns nicht auf als lebende Mülleimer – wir gieren danach, endlich die Reste von den Tellern oder aus der Schüssel zu kratzen, weil wir das ohne schlechtes Gewissen tun können!

Eine halbe Currywurst hat nicht weniger Kalorien, weil sie auf einem fremden Teller liegt. Zwei Dutzend Pommes haben auf einem, dem eigenen, Teller genauso viel Fett wie verteilt auf drei fremden Teller. Das ist die bittere Wahrheit! Deshalb hilft es uns nichts, wenn wir uns vornehmen, nicht mehr den Mülleimer für andere zu spielen, und uns einzureden versuchen, dass wir uns damit etwas Gutes tun, endlich unseren Wert akzeptieren und unser Selbstbewusstsein stärken.

Die eigenen Gelüste akzeptieren

Erst wenn wir dieses Futtern aus fremden Trögen als das akzeptieren, was es ist: genussvolles, reueloses essen fettiger, ungesunder, wunderbarer Nahrung, können wir damit anders umgehen. Dann können wir den Verlust betrauern, können erkennen, dass es ein Akt höchster Willensanstrengung ist, auf das heimliche Auskratzen der Nachtischschälchen in der Küche zu verzichten, und können uns dafür auf die Schulter klopfen, dass wir es geschafft haben, die angebissene Leberkäsesemmel in den Mülleimer statt in den eigenen Rachen entsorgt zu haben.

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